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Wolfgang Effenberger • •
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Europas Zukunftsfragen werden nicht in der Ukraine beantwortet: Verzweifelte Zeiten fordern verzweifelte Maßnahmen

Wolfgang Effenberger

Auf dem Gipfeltreffen am 27. März 2025 in Paris wurden von der "Koalition der Willigen" – bestehend aus Vertretern von 31 EU- und NATO-Ländern – wichtige Zukunftsfragen Europas im Kontext des Ukraine-Konflikts behandelt. (1) Diese Länder stehen nicht für Europa, geschweige denn, dass sie über ihre elementaren Interessen hinaus Zukunftsfragen Europas andenken können. Großbritannien, dass in seiner Geschichte nur an einer "Balance of Power"(Gleichgewicht der Kräfte, d.h. die Kräfte in ständiger Konkurrenz miteinander halten) in Europa interessiert war und Frankreich, das infolge des Dreißigjährigen Kriegs und Napoleons Unterwerfung Europas, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (962-1806) (2) endgültig zerstören konnte – beide machten gemeinsam den Ersten Weltkrieg gegen Deutschland möglich –, bereiten nun die gegen Russland gerichtete "Ukraine-Mission" vor. Soll es nun gemeinsam gegen Russland gehen? Der Einsatz europäischer Streitkräfte zur Absicherung einer etwaigen Waffenruhe in der Ukraine sei ein britisch-französischer Vorschlag, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach den Beratungen der sogenannten "Koalition der Willigen". „Er wird von der Ukraine gewünscht und auch von mehreren EU-Mitgliedstaaten unterstützt, die ihre Bereitschaft bekundet haben, sich ihm anzuschließen.“ (3) Obwohl der Vorschlag nicht einstimmig angenommen wurde, wollen Frankreich und Großbritannien „ihren Plan dennoch vorantreiben. Die Generalstabschefs der beiden Länder sollen in den kommenden Tagen in die Ukraine reisen, um die Bedingungen vor Ort zu prüfen“ (4), sagte Macron weiter.

Die Ukraine habe eine sehr klare Vorstellung von den Bedürfnissen und den kritischen Gebieten, in denen die europäischen Kräfte eingesetzt werden sollten. Im Austausch zwischen den Militärs würden die Orte, die Anzahl der Kräfte und die Kapazitäten festgelegt, so Macron. „Also ist zum jetzigen Zeitpunkt nichts ausgeschlossen, und wir schauen uns die See-, Luft- und Landstreitkräfte an.“ (5)

Auf diesem dritten Gipfel, der auf eine Initiative Macrons und des britischen Premierministers Keir Starmer zurückgeht, kündigte Frankreich weitere militärische Hilfen in Höhe von zwei Milliarden Euro für die Ukraine an. Präsident Macron betonte die Notwendigkeit, die ukrainische Armee zu stärken, um einen dauerhaften und gerechten Frieden zu ermöglichen. (6) Die Stärkung einer Kriegspartei hat noch nie zu einem gerechten, geschweige denn dauerhaften Frieden geführt. Macron sollte sich mit dem langen Friedensweg im Dreißigjährigen Krieg beschäftigen, der nach vielen Jahren schließlich 1648 in Münster und Osnabrück zu einem erfolgreichen Friedensschluss führte.

Weiter erklärte Macron, dass europäische Streitkräfte in wichtigen Städten und strategischen Stützpunkten der Ukraine stationiert werden könnten, um auf einen möglichen russischen Angriff zu reagieren. (7)

Nur wenige Länder stimmten Macrons Absichten auf dem Gipfel zu. (8) Als Herausforderung für die europäische Sicherheitsstrategie wurde auf dem Gipfel allerdings die Veränderungen in den Beziehungen zu den USA durch die Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Russland diskutiert. (9)

"SignalGate": Panne im "Messenger-Dienst Signal" – hochrangige US-Regierungsbeamte stimmen geheime Angriffspläne ab

Für brisanten Gesprächsstoff hatte auf dem Gipfel auch der am 24. März 2025 vom Chefredakteur des Magazins "The Atlantic", Jeffrey Goldberg, veröffentlichte Artikel über geheime Militäroperationen gegen die Huthi-Rebellen im Jemen aus dem engsten Umkreis des Präsidenten gesorgt.

"SignalGate" hatte bereits zwischen dem 11. und 15. März 2025 stattgefunden, als hochrangige US-Regierungsbeamte (10) den Messenger-Dienst nutzten, um militärische Angriffspläne zu besprechen, einschließlich Details zu eingesetzten Waffensystemen, Angriffszielen und Zeitplänen. Ziel war die Koordination der Luftangriffe im Jemen. (11) Darüberhinaus wurden auch die Bedenken pubik, die Vizepräsident Vance äußerte: „Nur 3 % des US-Handels läuft durch den Suezkanal – aber 40 % des europäischen Handels. Es besteht das reale Risiko, dass die Öffentlichkeit das nicht versteht oder nicht nachvollziehen kann, warum es notwendig ist. Der wichtigste Grund, dies zu tun, ist laut POTUS, ein Zeichen zu setzen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob dem Präsidenten klar ist, wie inkonsistent das mit seiner Botschaft gegenüber Europa ist. Außerdem besteht das Risiko eines moderaten bis starken Anstiegs der Ölpreise. Ich bin bereit, dem Konsens des Teams zu folgen und meine Bedenken für mich zu behalten. Aber es spricht viel dafür, das Ganze um einen Monat zu verschieben und in der Zwischenzeit das Messaging vorzubereiten.“ (12)

Verteidigungsminister Pete Hegseth antwortete auf die Bedenken des Vizepräsidenten:

„Ich verstehe deine Bedenken und unterstütze voll, dass du sie gegenüber POTUS ansprichst.

Die meisten relevanten Faktoren sind unklar, wie sie sich entwickeln (Wirtschaft, Ukraine-Frieden, Gaza, etc.). Das Messaging wird auf jeden Fall schwierig – niemand weiß, wer die Houthis sind – deshalb sollten wir uns auf zwei Punkte konzentrieren: 1. Biden hat versagt 2. Iran finanziert“ (13)

Die geleakten Signal-Chats lassen eine schonungslose und menschenverachtende Realpolitik in Sachen Krieg erkennen.

Warum hat Chefredakteur Jeffrey Goldberg, der versehentlich vom Nationalen Sicherheitsberater Mike Waltz in die geheime Signal-Chatgruppe aufgenommen wurde, (14) diese peinliche Sicherheitslücke unbedingt öffentlich machen müssen? Diese Enthüllungen führten zu massiven politischen und medialen Konsequenzen für die Trump-Regierung. (15) Als amerikanischer Patriot hätte Goldberg auch nur die Regierung informieren können. Ging es ihm nur um Publicity oder gab es auch einen politischen Hintergrund? Wollten Kreise, die mit der aktuellen Politik Trumps unzufrieden sind, Einfluss ausüben?

Der in der letzten Märzwoche 2025 scheinbar aus dem Nichts auf der politischen Bühne erscheinende Sicherheits-Skandal hatte das primäre politische Ziel das von Präsident Trump ausgewählte Geheimdienstteam nachhaltig zu treffen: DNI-Chefin Tulsi Gabbard, CIA-Direktor John Ratcliffe, FBI-Chef Kash Patel und andere. Um die Bestätigung dieser Geheimdienstchefs durch den US-Senat zu verhindern, hatte das von den Briten geführte „Liars' Bureau“ (Lügner-Büro) alles in seiner Macht Stehende getan – vergeblich. Da werden Erinnerungen an den Februar 2017 wach, als Trumps erster Nationaler Sicherheitsberater General Michael Flynn nach nur 22 Tagen aus dem Amt gedrängt wurde, was den Weg für verrückte Neokonservative wie John Bolton und Mike Pompeo freimachte. Versuchten nun dieselben Netzwerke unter britischer Führung das Spiel ein zweites Mal? Wieder war es ein Brite, der damalige Premier Boris Johnson, der Anfang April 2022 alles unternahm, um die Waffenstillstandsverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland zum Scheitern zu bringen. Dienen diese Aktivitäten eines kleinen britischen Netzwerks aus dem Oberhaus dazu, sein finanzielles und politisches Imperium weltweit aufrechtzuerhalten?

„Die Außenpolitik des Vereinigten Königreichs in einer sich wandelnden Weltordnung“

An dieser Stelle muss zum Verständnis an den verhängnisvollen Bericht des Sonderausschusses für internationale Beziehungen des britischen Oberhauses vom 18. Dezember 2018 mit dem Titel

“The United Kingdom's foreign policy in a changing world order“ erinnert werden.

Die Lords erklärten damals, dass Präsident Donald Trump ihr weltweit größtes Problem sei, und bekannten ganz offen, dass seine Absetzung für ihre Interessen von entscheidender Bedeutung sei. Vor allem müsse eine zweite Präsidentschaft Trumps um jeden Preis vermieden werden, um die „Sonderbeziehung“ zwischen den USA und Großbritannien zu bewahren, durch die sie die Welt weiterhin regieren wollten:

„Die US-Regierung [Trump] hat eine Reihe hochkarätiger einseitiger außenpolitischer Entscheidungen getroffen, die den Interessen des Vereinigten Königreichs zuwiderlaufen. Wie schädlich dies für die bisher wichtigste internationale Beziehung des Vereinigten Königreichs sein wird, hängt davon ab, ob der derzeitige Ansatz ein anhaltender Trend ist. Sollte Präsident Trump eine zweite Amtszeit gewinnen oder eine ähnliche Regierung seine Nachfolge antreten, wird der Schaden für die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und den USA länger anhalten.“

Damit dürfte als sicher gelten, dass der Bericht des Sonderausschusses für internationale Beziehungen des britischen Oberhauses vom Dezember 2018 und der aktuelle Signalgate-Skandal in einem strategischen Zusammenhang stehen, der die britischen Bedenken gegenüber der US-Außenpolitik unter Donald Trump verdeutlicht.

In dem damaligen Bericht werden die britischen Sorgen über die US-Außenpolitik unter Trump deutlich. Kritisiert wurden Trumps unilaterale Entscheidungen (z. B. Iran-Abkommen, Handelspolitik) als „schädlich“ für britische Interessen, undes wird betont, dass eine zweite Amtszeit Trumps die „Sonderbeziehung“ zu Großbritannien langfristig beschädigen würde. (16) Dieser Oberhausbericht wurde als Aufruf verstanden, die Abhängigkeit von den USA zu verringern und stattdessen stärker mit China, der EU und dem Globalen Süden zu kooperieren. (17)

Da trifft es sich nun vortrefflich, dass Signalgate als Auslöser für eine Vertrauenskrise hergenommen werden kann. In der Tat offenbart der geleakte Signal-Chat hochrangiger US-Beamter (u. a. National Security Adviser Mike Waltz) grobe Sicherheitslücken. Die Nutzung einer zivilen App für geheime Absprachen verstieß gegen Protokolle und führte zu internationaler Kritik, insbesondere in Europa. (18) In Großbritannien forderten Oppositionspolitiker eine Überprüfung der Sicherheitskooperation mit den USA. (19) Somit sind die Strategischen Parallelen zum Bericht von 2018, in dem eine agilere“ britische Außenpolitikgefordert wurde, nicht zu übersehen:

Als Sicherheitsbedenken wurde damals die mangelnde Professionalität der Trump-Administration, die das Vertrauen in die US-Führungsrolle untergrabe, ins Feld geführt. (20)

Die im Bericht geforderte Geopolitische Neuausrichtung empfahl eine stärkere Zusammenarbeit mit China und die Verteidigung einer „regelbasierten Ordnung“ (u. a. durch UN, NATO). (21)

Laut dem Schillerinstitut sieht das britische Establishment in Trumps Politik eine Bedrohung für seine globalen Machtambitionen. (22) Somit könnte der Signalgate-Skandal instrumentalisiert werden, um die Schwächen der Trump-Administration zu betonen, eine Distanzierung von den USA zu rechtfertigen und die im Bericht von 2018 vorgeschlagene multipolare Strategie voranzutreiben. Trumps „America First“-Politik widerspricht britischen Interessen, die auf Multilateralismus und internationale Zusammenarbeit setzen, insbesondere nach dem Brexit, wo Großbritannien neue Allianzen sucht. (23) Vor allem, da Großbritannien nach dem BREXIT auf ein Freihandelsabkommen mit den USA angewiesen ist, das unter Trump jedoch unwahrscheinlich erscheint. (24)Trumps angedrohte Zölle und seine protektionistische nMaßnahmen bringen das Fass weiter zum Überlaufen. So setzt nun die Labour-Regierung unter Keir Starmer auf eine starke Unterstützung der Ukraine in ihrem Krieg gegen Russland. Trumps Haltung, den Krieg durch Verhandlungen zu beenden, könnte jedoch zu Gebietsverlusten für die Ukraine führen, was nach Ansicht dieser Kreise aus dem Oberhaus die Sicherheit Europas gefährden würde. Dies steht im Widerspruch zu den britischen Sicherheitsinteressen. (25)

Als Fazit könnte, wie im Bericht von 2018 formuliert, Signal-Gate für eine langfristige britische Strategie zur Anpassung an eine post-amerikanische Weltordnung instrumentalisiert werden. Signalgate könnte hierbei als Katalysator dienen, der die Risiken einer engen Bindung an die USA unter Trump verdeutlicht und die Notwendigkeit einer eigenständigeren britischen Außenpolitik unterstreicht.

Selenskyj kündigt Geheimtreffen mit Keir Starmer und Emmanuel Macron an

Die Ankündigung eines geheimen Treffens zwischen Wolodymyr Selenskyj, (26) Keir Starmer und Emmanuel Macron, bei dem es um die Entsendung britischer und französischer Truppen in die Ukraine gehen soll, hat bereits erste Reaktionen hervorgerufen. Russland dürfte auf eine solche Entwicklung mit scharfer Kritik und möglicherweise verstärkten Drohungen reagieren.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, hat bereits davor gewarnt, dass eine solche Mission das Risiko eines direkten Zusammenstoßes zwischen Russland und der NATO birgt. Russland könnte dies als Eskalation werten und seine militärische Präsenz in der Ukraine oder an den Grenzen verstärken. (27)

Laut Macron sollen die geplanten französisch-britischen Truppen nicht an der Front stationiert werden, sondern würden strategische ukrainische Orte sichern. Auch das wird Moskau als Provokation betrachten und mit militärischen Gegenmaßnahmen reagieren. (28)

Darüberhinaus wird Russland die Entsendung der britisch-französischen Truppen auch nutzen, um seine Narrative über eine westliche Aggression zu verstärken und die eigene Bevölkerung sowie Verbündete weiter zu mobilisieren.

Bei der Entsendung von französischen und britischen Truppen wird es sich aller Voraussicht nach nicht um die der NATO unterstellten (assignierten) Truppen handeln, sondern ausschließlich um nationale Verbände, die jeweils die Masse dieser Länder ausmachen. So dürfte eine solche Entsendung durch einzelne NATO-Mitgliedsstaaten als bilaterale Aktion außerhalb der NATO-Strukturen erfolgen. Damit würde zumindest staatsrechtlich eine Eskalation mit Russland vermieden. (29)

Die NATO hat bisher klar gemacht, dass sie keine direkten Kampftruppen in die Ukraine entsenden wird. Flankierend dazu verstärkt sie ihre Präsenz an der Ostflanke und plant, ihre schnelle Eingreiftruppe (NATO Response Force) erheblich auszubauen. Diese Maßnahmen könnten als Reaktion auf eine Eskalation in der Ukraine weiter intensiviert werden. (30)

Gleichzeitig könnte die NATO ihre Rolle als Unterstützer der Ukraine verstärken, etwa durch logistische Hilfe, Waffenlieferungen oder Geheimdienstkooperation, um die bilateralen Einsätze von Großbritannien und Frankreich zu ergänzen. (31) Innerhalb des Bündnisses könnte die Truppen-Entsendung durch Frankreich und Großbritannien kontrovers diskutiert werden, da sie das Risiko einer Eskalation in sich birgt.

Putins klare Ansage beim Besuch der Marine

Der russische Präsident bekräftigte am Donnerstag 27. März 2025 während eines Treffens mit der Besatzung des mit Zircon-Hyperschall-Raketen ausgestatteten Atom-U-Boots Archangelsk, dass Moskau immer versucht habe, den Konflikt mit diplomatischen Mitteln zu lösen, aber mit Täuschung und Behinderung durch den Westen konfrontiert wurde – zuerst mit den gescheiterten Minsker Abkommen und dann während der Istanbuler Friedensgespräche 2022. Zur aktuellen Situation betonte Putin, dass der Konflikt an einem Wendepunkt sei. Er wies darauf hin, dass an allen Fronten die russischen Truppen die strategische Initiative in der Hand haben.

Weiter bekräftigte Putin, dass Russland für Friedensverhandlungen offen bleibt, solange die Kernursachen des Konflikts angesprochen werden.

„Wir sind dafür, diese Probleme mit friedlichen Mitteln zu lösen... Aber die Ursachen müssen beseitigt werden. Wir müssen die Sicherheit Russlands für die lange historische Perspektive sicherstellen“ (32), 

sagte er und ergänzte, dass eine echte Beilegung des Konflikts eine dauerhafte und rechtsverbindliche Lösung erfordere. Einer NATO-Präsenz auf ukrainischem Boden lehnte Putin kategorisch ab und forderte Kiew auf, sich an eine Position der Neutralität zu halten und die territorialen "Realitäten vor Ort" anzuerkennen.

Am gleichen Tag nahm Wladimir Putin hat an der Zeremonie eines Stapellaufs der später mit Hyperschallraketen des Typs Zirkon ausgerüsteten Atom-U-Boots "Perm" der russischen Marine teil. Per Videoschalte gab er den Befehl zum Stapellauf des fünften Atom-U-Boots dieser Klasse. „Wir werden auch weiter unsere Kriegsflotte stärken, darunter auch die strategische Komponente“ (33), sagte Putin bei der Veranstaltung und wies weiter darauf hin, dass diese U-Boote nicht nur dem Schutz der russischen Küste und des nördlichen Seewegs, an Russland vorbei durch die Arktis, dienen, sondern auch zur Lösung verschiedener Aufgaben in den Weltmeeren eingesetzt werden könnten.

Kurz zuvor hatte Putin die Stationierung weiterer Soldaten in der Arktis angekündigt. (34)

„Ich möchte betonen, dass dies natürlich mit der Verstärkung unserer militärischen Komponente in der Region zusammenhängt, die Zahl der Soldaten hier wird wachsen.“ (35)

Russland werde so seine Rechte auch gegenüber der Nato durchsetzen, betonte er.

Drei Tage später zeigte sich US-Präsident Donald Trump „sehr verärgert“ und „stinksauer“ auf Putin der die Legitimität des ukrainischen Staatschefs Wolodymyr Selenskyj erneut infrage gestellt hatte. Seine Äußerungen gehen „nicht in die richtige Richtung“, sagte Trump in einem am Sonntagmorgen ausgestrahlten Telefoninterview mit NBC News. (36)

„Wenn Russland und ich nicht in der Lage sind, eine Einigung über die Beendigung des Blutvergießens in der Ukraine zu erzielen, und wenn ich glaube, dass Russland daran schuld ist – was vielleicht nicht der Fall ist -, aber wenn ich glaube, dass es Russlands Schuld ist, dann werde ich Sekundärzölle auf Öl erheben, auf alles Öl, das aus Russland kommt“, warnte Trump. „Es wird einen 25-prozentigen Zollsatz auf alles Öl geben, einen 25- bis 50-prozentigen Zollsatz auf alles Öl.“ (37)

Donald Trump selbst hatte den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 19. Februar 2025 auf seiner Plattform "Truth Social" einen "Diktator ohne Wahlen" genannt. Er schrieb: „Als Diktator ohne Wahlen sollte Selenskyj besser schnell handeln, sonst wird er kein Land mehr haben“. (38)

Trumps wechselnde Drohungen taktische Druckstrategie?

Zielgerichtetes Chaos als Verhandlungsinstrument?

Donald Trumps wechselnde Drohungen gegenüber Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj lassen tatsächlich Zweifel aufkommen, ob ein nachhaltiger Frieden das eigentliche Ziel ist. Die jüngsten Entwicklungen deuten auf eine taktische Druckstrategie hin, die eher auf einen schnellen Deal als auf stabile Konfliktlösung abzielt.

Trumps Drohungen mit Sekundärzöllen auf russisches Öl (bis zu 50 %) (39) und sein Ultimatum an die Ukraine („Frieden oder Alleingang“) (40) zielen darauf ab, beide Seiten an den Verhandlungstisch zu zwingen – allerdings ohne klare Linie: Trump kritisiert plötzlich Putins Zweifel an Selenskyjs Legitimität, nachdem er zuvor den Kreml-Chef stets gelobt hatte. (41) Trump bezeichnete auch schon Selenskyj als „Diktator“ und drohte, die US-Hilfe zu streichen, falls Kiew nicht sofort einem Waffenstillstand zustimmt. (42)
Diese widersprüchlichen Signale destabilisieren die Verhandlungen, ermöglichen Trump aber, sich als entscheidungsstarker „Dealmaker“ zu inszenieren.

Obwohl Trump erstmals Sanktionen gegen Russland androht, bleibt seine Haltung gegenüber Moskau ambivalent. Der Kreml zeigt sich trotz Trumps Drohungen kooperationsbereit, da die Gespräche über eine „Wiederherstellung der bilateralen Beziehungen“ laufen. (43)

Trump dürfte bei seiner chaotisch anmutenden Vorgehensweise durchaus auch geopolitische Ziele verfolgen. So könnte ein hastiger Deal, der russische Interessen privilegiert, Europas Sicherheitsarchitektur untergraben – ein seit Langem von Trump verfolgtes Ziel. (44) Daneben legt Trumps Forderung nach dem Zugang zu ukrainischen Seltenen Erden nahe, (45) dass auch wirtschaftliche Interessen die Diplomatie dominieren.

Insgesamt scheint Trumps Strategie weniger auf dauerhaften Frieden ausgerichtet zu sein als auf einen schnellen symbolischen Sieg, der innenpolitisch nutzbar ist und gleichzeitig die transatlantischen Beziehungen schwächt. Die wechselnden Drohungen erschweren eine vertrauensvolle Verhandlungsbasis – was die Vermutung stützt, dass Stabilität gar nicht im Vordergrund steht.

Weitere Muskelspiele

Die Kriegsbefürworter scheinen weiter Hochkonjunktur zu haben. In Washington werden die Forderungen an die Trump-Administration immer lauter, die jüngsten US-Luftangriffe gegen die Huthis im Jemen als Auftakt und Übung für einen K.o.-Schlag gegen den Iran zu nutzen. Der Nationale Sicherheitsberater Mike Waltz drohte am 23. März, der Iran müsse seine Außenpolitik ändern und „sein Atomprogramm vollständig aufgeben“, andernfalls werde es „Konsequenzen geben“. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu soll der Trump-Administration zu verstehen gegeben haben, dass der Iran ohne einen umfassenden Krieg „enthauptet“ werden könne, so wie die israelische Armee die Hisbollah enthauptet und die Assad-Regierung in Syrien gestürzt habe.
Diese Machtphantasien wurden in den letzten Tagen durch militärische Verlegungen flankiert:

Die USA haben nämlich in den letzten Tagen eine außergewöhnlich große Anzahl von B-2 Spirit-Stealth-Bombern von der Whiteman Air Force Base in Missouri zur US-Militärbasis Diego Garcia, dem unsinkbaren US-Flugzeugträger im Indischen Ozean, verlegt. (46)

in den 60er Jahren verpachteten die Briten Diego Garcia an die USA - für 14 Millionen Dollar.Die Bewohner der Inselgruppe wurden zwangsumgesiedelt, nach Mauritius, auf die Seychellen oder nach Großbritannien. Anschließend haben die USA die Insel zu einem Militär- und Geheimdienststützpunkt ausgebaut. Die einzigen Bewohner von Diego Garcia sind heute amerikanische Soldaten.

Vier der mindestens sieben von Flugtracking-Daten und Satellitenbildern identifizierten (47) B-2-Bomber waren bereits auf Diego Garcia gelandet (zwei am 26. März, zwei in den Folgetagen), (48) ein weiterer landete nach einer Notfallumleitung in Hawaii. (49)

Drei weitere B-2 mit dem Rufzeichen „Abba“ starteten am 25. März von Whiteman AFB. (50)

Die Gesamtzahl könnte noch steigen, da die gesamte aktive B-2-Flotte der USA 19 Einheiten umfasst. (51) Mindestens 18 KC-135-Tanker wurden im Pazifik stationiert, um die Langstreckenflüge der B-2 zu unterstützen. (52) Weiter wurden drei C-17-Transportflugzeuge und zehn weitere Tanker auf Diego Garcia gesichtet, die vermutlich Personal, Munition (z. B. die 13,6-Tonnen-Bunkerbrecherbombe MOP) und Ausrüstung transportieren. (53)

Diego Garcia dient traditionell als Sprungbrett für US-Operationen im Nahen Osten (z. B. Afghanistan 2001, Irak 2003). (54) So könnte die akutelle Verlegung, die parallel zur Eskalation der US-Luftangriffe auf die Houthis im Jemen erfolgte, als Signal an den Iran wegen dessen Atomprogramm und Unterstützung für die Houthis gesehen werden. (55) Die B-2-Bomber sind prädestiniert für Angriffe auf hochgesicherte iranische Atomanlagen (z. B. Fordo) oder Houthi-Stellungen in Bergtunneln. (56) Die Trump-Adminstration wies derartige Überlegungen zurück und betonte, dass die Verlegung der Abschreckung und dem Schutz der Schifffahrt im Roten Meer dien. (57)

Insgesamt haben die USA zwischen dem 25. und 31. März 2025 mindestens sieben B-2-Stealth-Bomber nach Diego Garcia verlegt, unterstützt durch Dutzende Tanker und Transportflugzeuge. Diese ungewöhnlich umfangreiche Verlegung unterstreicht die strategische Priorität, die Washington der aktuellen Krise im Nahen Osten beimisst – sei es als Drohkulisse oder als konkrete Angriffsvorbereitung (58)

Ein Angriff auf den Iran würde nicht nur den gesamten Nahen Osten in die Luft sprengen, sondern auch die wichtigen Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Russland torpedieren, die nicht nur der Ukraine Frieden bringen, sondern auch die Tür zu einer dringend benötigten neuen Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur öffnen könnten – in dieser Region und sogar weltweit.

Verzweifelte Zeiten fordern verzweifelte Maßnahmen

Mitte Februar 2025 verfasste Kishore Mahbubani, ein singapurischer Diplomat und Universitätsdekan den Artikel "Es ist Zeit für Europa, das Undenkbare zu tun".(59) Darin nahm er die Entwicklung der folgenden Wochen vorweg und forderte Brüssel auf, Washington nicht länger sklavisch zu folgen, sondern seine eigenen geopolitischen Interessen voranzubringen. Mahbubani wurde 2019 zum Mitglied der altehrwürdigen und angesehenen Ehrengesellschafft der USA – der "American Academy of Arts and Sciences" mit über 5.000 Mitgliedern – die ausschließlich von ihresgleichen nominiert werden, gewählt.

Seine geopolitischen Vorbilder haben ihn gelehrt, dass man immer das Undenkbare denken muss, wie es Europa jetzt tun muss.

In den letzten Wochen hat US-Präsident Donald Trump die europäischen Staats- und Regierungschefs vor seinen Entscheidungen nicht einmal konsultiert, geschweige vorgewarnt, bevor er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonierte. Ein Indiz für Mahbubani, wie irrelevant Europa geworden ist, selbst wenn seine geopolitischen Interessen auf dem Spiel stehen. Um die geopolitische Stellung Europas wiederherzustellen, zieht Mahubani drei "undenkbare" Optionen in Betracht:

Erstens: Europa sollte seine Bereitschaft zum Austritt aus der NATO verkünden.

Das Beharren der Europäer auf einen Verbleib in der NATO nach Trumps provokativen Handlungen erweckt laut Mahubani in der Welt den Eindruck, dass sie die Stiefel lecken, die ihnen ins Gesicht treten. Schockiert seien viele Menschen auf der Welt, dass die Europäer nicht mit dem Schlamassel gerechnet haben, in dem sie jetzt stecken. Damit hätten die Europäer eine der ersten Regeln der Geopolitik grob vernachlässigt, die lautet, dass immer mit Worst-Case-Szenarien geplant werden müssen. Dagegen hätte nach Ausbruch des Ukraine-Krieges das gesamte strategische Denken Europas auf dem Best-Case-Szenario bestanden: Die Vereinigten Staaten seien ein absolut zuverlässiger Verbündeter. Zweifel daran seien schon in Trumps erster Amtszeit erkennbar gewesen – siehe seine Drohungen, aus dem größten Militärbündnis der Welt auszutreten.

„Für einen Kontinent, der strategische Denker wie Metternich, Talleyrand und Kissinger hervorgebracht hat, war für Mahubani das strategische Denken in Bezug auf die Ukraine und ihre langfristigen Folgen fast kindisch“.(60)

Zweitens: Metternich oder Talleyrand (oder Charles de Gaulle) würde eine neue große strategische Vereinbarung mit Russland empfehlen

– und zwar eine strategische Vereinbarung, bei der jede Seite den Kerninteressen der anderen Seite entgegenkommt. Viele einflussreiche europäische Strategen würden diese Vorschläge ablehnen, weil sie davon überzeugt sind, dass Russland eine echte Sicherheitsbedrohung für die EU-Länder darstellt. Wirklich? fragt Mahubani und lässt die nächsten Fragen folgen:

Wer ist Russlands grundlegendster strategischer Rivale, die EU oder China? Mit wem hat es die längste Grenze? Und mit wem hat sich seine relative Macht so sehr verändert? Muhabani sieht in den Russen geopolitische Realisten höchster Ordnung; sie wissen, dass weder Napoleons Truppen noch Hitl nicht nicht den offensichtlichen Widerspruch erkennen zwischen der Freude über die Unfähigkeit Russlands, „die Ukraine zu besiegen (ein Land mit 38 Millionen Einwohnern und einem BIP von etwa 189 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024) und der anschließenden Erklärung, dass Russland die eigentliche Bedrohung für Europa darstellt (das 744 Millionen Einwohner und ein BIP von 27 Billionen US-Dollar im Jahr 2024 hat)“.(61) Laut Mahubani wären die Russen wahrscheinlich froh, einen fairen Kompromiss mit der EU auszuhandeln, bei dem die derzeitigen Grenzen zwischen Russland und der EU respektiert werden und ein realistischer Kompromiss in Bezug auf die Ukraine gefunden wird, der die Kerninteressen beider Seiten nicht gefährdet. Langfristig könnte die Ukraine, nachdem sich zwischen Russland und einem neuen, strategisch autonomen Europa wieder ein gewisses Vertrauen entwickelt hat, allmählich eher als Brücke zwischen der EU und Russland dienen, statt als Streitpunkt. Das wäre eine aus der Geschichte der Ukraine als Land zwischen Ost und West entwickelte Bestimmung, die der Ukraine eine blühende Zukunft sichern könnte.

Drittens: einen neuen strategischen Bund mit China

Die Geographie der Vereinigten Staaten, die China über den Pazifischen Ozean hinweg gegenüberstehen, in Kombination mit Washingtons Drang nach Vorherrschaft, erklärt das feindliche Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und China. Welcher geopolitische Druck hat den Niedergang der Beziehungen zwischen der EU und China verursacht? Auch hier sieht Mahubani eine sklavische Loyalität der Europäer gegenüber den geopolitischen Prioritäten der USA.

Dabei sei es bemerkenswert, dass China der EU bei der Bewältigung ihres echten langfristigen geopolitischen Albtraums helfen kann: der demografischen Explosion in Afrika. 1950 war die Bevölkerung Europas doppelt so groß wie die Afrikas. Heute ist die Bevölkerung Afrikas doppelt so groß wie die Europas. Bis 2100 wird sie sechsmal so groß sein. Wenn Afrika seine Wirtschaft nicht entwickelt, wird es nach einem größeren Ansturm afrikanischer Migranten nach Europa geben.

Um ein Europa zu erhalten, das von Parteien der Mitte regiert wird, schlägt Mahubani vor, dass die Europäer jede ausländische Investition in Afrika begrüßen, die Arbeitsplätze schafft und die Afrikaner in ihrer Heimat hält. Stattdessen schaden sich die Europäer selbst, indem sie Chinas Investitionen in Afrika kritisieren und ablehnen. Allein das zeigt, wie naiv das langfristige strategische Denken in Europa geworden ist. Brüssel opfert seine eigenen strategischen Interessen, um den amerikanischen Interessen zu dienen, in der Hoffnung, dass geopolitische Unterwürfigkeit zu Belohnungen führt.

Für Mahubani lässt sich aus Zweitausend Jahre Geopolitik eine einfache und offensichtliche Lektion ziehen: 

„Alle Großmächte stellen ihre eigenen Interessen an erste Stelle und opfern, wenn nötig, die Interessen ihrer Verbündeten. Trump verhält sich wie ein rationaler geopolitischer Akteur, indem er das, was er als die Interessen seines Landes ansieht, an die erste Stelle setzt. Europa sollte Trump nicht nur kritisieren, sondern ihm nacheifern. Es sollte die derzeit undenkbare Option umsetzen: erklären, dass es fortan ein strategisch autonomer Akteur auf der Weltbühne sein wird, der seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellt. Wenn Europa dies tut, wird Trump ihm vielleicht endlich etwas Respekt entgegenbringen“.

Die tektonischen Platten der Geopolitik haben sich bereits verschoben

Über die sich verändernde Weltordnung hat das Mitglied des russischen Rates für internationale Angelegenheiten Dmitri Trenin, zudem Forschungsprofessor an der Moskauer "Higher School of Economics" und leitender Forscher am Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen einen wegweisenden Artikel geschrieben. Seine Analyse der Verschiebung der tektonischen Platten in der Geopolitik –

von der Unipolarität zur Multipolarität – ist sehr interessant: weg von Ideologie-getriebener hin zur an Interessen orientierten Aussenpolitik der USA.

Haben bisher Kriege der Großmächte oder Umwälzungen die Bewegung der tektonischen Platten beschleunigt, so ist aktuell eine dramatische Bewegung zu erkennen. Laut Trenin ist in den letzten Wochen eine Lawine ins Rollen gekommen, die die Landschaft in kürzester Zeit verändert.

Innerhalb weniger Wochen gingen die USA vom Widerstand gegen die multipolare Ordnung zu dem Versuch über, diese unter neuen Bedingungen zu dominieren – weniger Moralismus, mehr Realismus. In der US-Außenpolitik geht es laut Trenin jetzt um Interessen, nicht um Ideologien. Das ist keine Theorie, es ist für ihn ein geopolitisches "Erdbeben".

So sei jetzt die Multipolarität nicht mehr nur eine Hypothese. Trump konnte die USA von einem Verfechter der Unipolarität zu einem Akteur der Multipolarität machen. Trumps Doktrin – "Wettbewerb der Großmächte" – entspräche eher der realistischen Tradition als dem Liberalismus, der in Washington nach dem Ende des Kalten Krieges jahrzehntelang dominierte.

Weiter bedeute die Wende Washingtons zum Realismus einen fundamentalen Kurswechsel in seinen Weltbeziehungen. Die Ära der liberalen "Kreuzzüge" sei vorbei. So stellte Trump die Finanzierung der USAID ein, kürzte die Budgets für die "Demokratieförderung" und zeigte sich bereit, mit Regimen aller Art zusammenzuarbeiten – solange es US-amerikanischen Interessen dient. Dies sei eine Abkehr von den binären Moralkonzepten der Vergangenheit und entspräche eher Moskaus eigener Weltsicht.

Als Ergebnis gebe es den "Westen" in der alten Form nicht mehr. Der durch eine gemeinsame Ideologie und transatlantische Solidarität definierte liberale "Kollektive Westen" existiere nicht mehr. Übriggeblieben sei nur „ein zersplitterter Westen, gespalten zwischen nationalistisch geführten Regierungen wie der Trumps und traditionelleren "Hochburgen" des Liberalismus in Brüssel, Paris und Berlin. Der Konflikt zwischen diesen beiden Visionen – Nationalismus versus Globalismus – stellt nun laut Trenin den maßgeblichen Politikkampf im gesamten Westen dar“.(62)

Die "Multipolare Welt" verkörpert die absolute Weltmehrheit und vertritt durchweg die Position: „Vorrang der Souveränität vor Unterordnung, des Handels vor der Ideologie, der Multipolarität vor der Hegemonie. Die BRICS, die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) und andere regionale Zusammenschlüsse entwickeln sich zu echten Alternativen zu den vom Westen geführten Institutionen. Der Globale Süden stellt keine Peripherie mehr dar, sondern ist eine Weltbühne.(63)

In den vergangenen zwei Jahren, in denen Russland an Eigenständigkeit und Durchsetzungsvermögen gewinnen konnte und zu einem zentralen Akteur im Weltordnungssystem aufstieg, konnte sich Moskau in dieser neuen Ordnung positionieren.

Der Ukraine-Krieg und die Widerstandsfähigkeit der russischen Wirtschaft, Gesellschaft und Armee führten nach Trenin zu einer veränderten globalen Wahrnehmung:

„Russland wird nicht mehr als Juniorpartner oder Regionalmacht behandelt. Es steht nun auf gleicher Augenhöhe mit Washington, Peking und Neu-Delhi. Diese Veränderung ist nicht nur in der Diplomatie sichtbar, sondern auch im globalen Logistiksystem: neue eurasische Handelskorridore, erweiterte BRICS-Zusammenarbeit und zunehmende Verwendung nationaler Währungen im Handel“.(64)

Trenins entspanntes Resümee:

„Es lohnt sich nicht, auf den Moment zu warten, in dem eine neue Weltordnung proklamiert wird – sie ist bereits da“.(65)

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm:

„Schwarzbuch EU & NATO“ (2020)

 

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.sowie

"Die unterschätzte Macht" (2022)

 

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Warnsignale überhört? Teil 1

Von Sarajevo nach heute: gefährliche Ruhe vor dem Sturm

Ein Standpunkt von Wolfgang Effenberger. 

Trotz der politischen Spannungen nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 war die Stimmungslage in der ersten Julihälfte 1914 geprägt von Urlaubsstimmung und einer trügerischen Normalität – an einen unmittelbar bevorstehenden Krieg dachte kaum jemand.

Angesichts der Furcht vor weiteren Anschlägen ist die Betroffenheit vieler monarchistischer Repräsentanten nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand durchaus nachvollziehbar (keine 24 Stunden später war der Mordanschlag auf den am Zarenhof tätigen Friedensapostel und Wunderheiler Rasputin in Sibirien erfolgt). (1)

Nicht nur in Europa wurde der Anschlag auf Franz Ferdinand als terroristischer Akt verurteilt, der Österreich-Ungarn das Recht auf Satisfaktion gab. In Wien hatte man eindeutige Hinweise, dass Belgrad für den Mord verantwortlich war. In der Tat hatte der Chef des serbischen Geheimdienstes, Dragutin Dimitrijevic-Apis, den Attentätern die Waffen geliefert, und auch der serbische Ministerpräsident, Nikola Pašic, hatte die Attentatspläne aktiv unterstütz (siehe Pašic-Handzettel mit der Anweisung, den Schülern Bomben und Revolver zu übergeben). (2)

So forderte Kaiser Wilhelm II. unnachgiebige Bestrafung der Drahtzieher und schloss auch eine Strafaktion gegen Serbien nicht aus. Für ihn war es wahrscheinlich ausgeschlossen, dass daraus ein europäischer Krieg werden könnte: Waren doch in den vorhergegangenen Jahren so viele Balkan-Spannungen vorangegangen und 1912 und 1913 sogar zwei Balkankriege geführt worden, in denen sich Deutschland und Österreich-Ungarn um Verständigung bemüht hatten. Hatte man nicht noch vor einem Jahr das Jubiläumsfest und Friedensfest des deutschen Kaisers mit den fremden Souveränen und den herzlichen Wünschen des Präsidenten der Französischen Republik gefeiert? Obwohl sich Wilhelm II. nach Wien zur Teilnahme an der Beisetzung angemeldet hatte, sagte er – auf Rat seines Kanzlers eine Erkältung vorschützend - wieder ab. Hatte er Angst, dass jene „berufsmäßigen Königsmörder“ nach seinem Leben trachten würden? Innerlich hoffte er, dass der Anschlag auf Franz Ferdinand die Monarchen Europas mit ihren Staaten und Völkern fester gegen die imaginären „Anarchistenmörder“ zusammenhalten würden und ein europäischer Krieg auszuschließen sei.

Am 5. Juli, einen Tag vor Antritt der gewohnten Nordlandreise, gab Wilhelm II dem österreichisch-ungarischen Botschafter in Berlin, Ladislaus von Szögyény-Marich, – unter Vorbehalt einer Beratung mit dem Reichskanzler – spontan die Zusicherung, dass "Deutschland in gewohnter Bundestreue an unserer Seite stehen werde".(3)

Einen Tag später bestätigte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg in einem Telegramm an den österreichisch-ungarischen Außenminister Leopold Graf Berchtold die Zusage Deutschlands, „im Einklang mit seinen Bündnisverpflichtungen und seiner alten Freundschaft treu an der Seite Österreich-Ungarns zu stehen“. (4)

Zum Vergleich: 28. Juni 1914 – 11. September 2001

Hatte der Kaiser eine Woche nach dem Anschlag und dem vorliegenden Nachweis, dass die Spur der Attentäter nach Belgrad führte, seine Zusage gegeben, erklärte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder keine 24 Stunden nach den Terroranschlägen im Deutschen Bundestag den USA die „uneingeschränkte Solidarität“ Deutschlands.

Wörtlich sagte Schröder in seiner Regierungserklärung:

„Ich habe ihm [dem amerikanischen Präsidenten] auch die uneingeschränkte – ich betone: die uneingeschränkte – Solidarität Deutschlands zugesichert.“ (5)

Diese Zusage wurde im Bundestag parteiübergreifend unterstützt und war als politisches Signal gemeint, dass Deutschland fest an der Seite der Vereinigten Staaten steht. Schröder betonte, dass dies keine Zeit für ein „Ja, aber“ sei, sondern für ein klares Bekenntnis zur Gemeinschaft der freien Völker und zum Bündnis mit den USA. (6)

Die Formulierung „uneingeschränkte Solidarität“ wurde in den folgenden Wochen und Monaten zum Leitmotiv der deutschen Außenpolitik im Umgang mit den Folgen von 9/11. (7)

Bereits am 12. September 2001 hatte der NATO-Rat das Ausrufen des Bündnisfalls in Aussicht gestellt, aber die formale Feststellung erfolgte erst nach Vorlage der entsprechenden Beweise. Doch ist bis heute die vollständige Aufklärung und Transparenz über die Rolle Saudi-Arabiens umstritten und lückenhaft. Große Teile des sogenannten "28-Seiten-Berichts" aus dem Untersuchungsbericht des US-Kongresses sind bis heute geschwärzt. (8) Am 4. Oktober 2001 (9) wurde aufgrund vorliegender Beweise der NATO-Bündnisfall ausgerufen; er ist bis heute noch gültig. (10)

Drei Tage später starteten die USA gemeinsam mit Großbritannien die Operation "Enduring Freedom" zunächst mit massiven Luftangriffen auf Afghanistan. Als Kriegspartner bedienten sich die USA der Dschunbisch-Milizen und ihres zwielichtigen Warlords Raschid Dostum. (11) Mit US-Unterstützung eroberte Dostum im November 2001 Masar-e Scharif von den Taliban zurück und noch im gleichen Monat befahl Dostum ein ungeheuerliches Kriegsverbrechen. Diese Ereignisse nach dem Fall von Kundus, der letzten Hochburg der Taliban in Nordafghanistan, dokumentierte am 21. November 2001 der irische Journalist und Dokumentarfilmer Jamie Doran. 3.000 der insgesamt 8.000 Gefangenen wurden zu einer Gefängnisanstalt in der Stadt Shibarghan gebracht. Ortsansässige afghanische LKW-Fahrer wurden zwangsverpflichtet, in unbelüfteten Containern jeweils 200 bis 300 Gefangene zu transportieren. Die Container wurden in die Wüste gebracht, wo die noch lebenden Opfer unter den Augen der US-Streitkräfte qualvoll starben. (12) Die Verantwortlichen sind bis heute unbehelligt geblieben. Das deutsche Parlament hätte es sich zur Aufgabe machen müssen, eine Aufklärung dieses abscheulichen Verbrechens im deutschen Einsatzraum samt entsprechender Konsequenzen zu fordern. Für eine verantwortungsvolle Regierung eigentlich selbstverständlich. Doch für die Regierung Schröder/Fischer nicht. Im Rahmen des Petersberg-Prozesses wurde Dostum sogar im Dezember 2001 zum stellvertretenden Verteidigungsminister in der Regierung von Hamid Karzai ernannt – er hatte von 1979 bis 1989 in den USA eine Restaurantkette aufgebaut (13)

Kein im Westen verankerter Historiker kam oder kommt auf die Idee, dass Kanzler Schröder am 12. Juli 2001 den USA eine "Blankovollmacht" ausgestellt habe. Im Gegensatz dazu sehen viele dem westlichen Narrativ verpflichtete Historiker in der Zusicherung des Kaisers auch noch heute eine "Blankovollmacht für die bedingungslose Unterstützung Österreich-Ungarns" für ein Vorgehen gegen Serbien. (14)

Zurück zum 6. Juli 1914

Bevor sich Wilhelm II. an Bord der Hohenzollern begab, empfing er nacheinander den Admiral von Capelle und den General von Bertrab, um ihnen kurz seine Auffassung über die politische Lage darzulegen. Diese Besprechung ging dank der zitierten Historiker als "Potsdamer Kronrat" in die Geschichte ein. Auf eine später erfolgte Anfrage des Auswärtigen Amtes an Admiral von Capelle hat dieser am 8. Oktober 1919 Folgendes über diese Potsdamer Unterredung mit dem Kaiser zu Protokoll gegeben: (15) „Am Montag, den 6. Juli 1914, zwischen 7 und 8 Uhr morgens, erhielt ich als stellvertretender Staats-Sekretär  - Großadmiral von Tirpitz war auf Urlaub - die telefonische Aufforderung, sofort zum Kaiser ins Neue Palais zu kommen. Ich traf den Kaiser im Garten reisefertig zum Antritt der Nordlandreise. Der Kaiser ging mit mir auf und ab und erzählte mir kurz von den Vorkommnissen am gestrigen Sonntag. Er fügte nach meiner Erinnerung dem Sinn nach ungefähr Folgendes hinzu: „er glaube nicht an größere kriegerische Verwicklungen. Der Zar werde sich in diesem Falle nach seiner Ansicht nicht auf die Seite der Mörder stellen.“ (16)

Der Kaiser scheint also recht unbedarft seine Nordlandreise angetreten zu haben.

Kanzler Theobald von Bethmann-Hollweg billigte diese Reise, weil er sich von ihr eine günstige, entspannende Wirkung auf die politische Lage in Europa versprach. Die damaligen wie die heutigen Kritiker des Kaisers sowie die Agenten, die eine alleinige Kriegsschuld Deutschlands manifestieren wollen, sahen und sehen in der Nordlandreise eine perfide Maßnahme des Kaisers, um die Entente in Sicherheit zu wiegen. Der deutsch-britische Historiker C.B. Röhl spricht sogar von einer Verschwörung: „Die fingierte Nordlandreise des Kaisers bildete nur einen Aspekt einer seit langem ausgeheckten Verschwörung, die das Ziel hatte, Russland als Angreifer dastehen zu lassen“. (17)

Nun, Russland hatte Ende Juli 1914 mit 2 Armeen Ostpreußen eingeschnürt und nahm am 1. August 1914 die Aufklärungstätigkeit in Ostpreußen auf.

Ein Land, das sich geopolitisch in einer äußert kritischen Mittellage befindet, und dabei ist, nach der Weltmacht zu greifen (laut Fritz Fischer), schickt in dieser sich zuspitzenden Situation seine politische wie militärische Elite in den Urlaub oder in die Sommerfrische?

Kaiser Wilhelm II. trat am 6. Juli 1914 seine traditionelle Nordlandreise nach Norwegen an.

Generalstabschef Helmuth von Moltke war bereits am 28. Juni, dem Tag des Attentats von Sarajevo, zur Kur nach Karlsbad abgereist.

Kriegsminister Erich von Falkenhayn befand sich ebenfalls im Urlaub.

Staatssekretär der Marine, Alfred von Tirpitz, war verreist; sein Vertreter Eduard von Capelle übernahm die Amtsgeschäfte.

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hielt sich offiziell auf seinem Gut Hohenfinow in Brandenburg auf, reiste aber mehrfach nach Potsdam und Berlin, um die Regierungsgeschäfte zu führen.

Weitere hohe Beamte und Militärs wie Oberquartiermeister Georg Graf Waldersee waren ebenfalls im Urlaub.

Die KI (Perplexity) fasste am 5. Juli 2025 die damalige Situation wie folgt zusammen:

Diese Urlaubsreisen waren teils Routine, teils bewusst inszeniert, um Normalität zu signalisieren. Die tatsächlichen Regierungsgeschäfte liefen im Hintergrund weiter, oft über Telegramm und geheime Treffen. Die Urlaubsstimmung täuschte über die sich zuspitzende Krise hinweg und war Teil einer Strategie, die Öffentlichkeit nicht zu beunruhigen.“

Die deutsche Elite aus Politik und Militär eines Landes mit der Geschichte eines unheilvollen Dreißigjährigen Krieges (ein Großteil der Lande verheert und Verlust eines Drittels der Bevölkerung) soll angesichts eines drohenden Zweifrontenkriegs aus Perfidie eine Woche nach dem Anschlag in den Urlaub gegangen? Hier treibt eine sonderbare – aber allgemein geduldete – Verschwörungsideologie bizarre Blüten!

Bei einer Seemacht wie 1914 Großbritannien und heute die USA fehlte und fehlt das Verständnis für das Sicherheitsdenken einer Landmacht. Seit der Antike strebten die Seemächte danach, die gegenüberliegenden Küsten zu beherrschen – zumindest dort einen Brückenkopf zu errichten. So besitzt England heute noch immer den Brückenkopf in Nordirland, die in Calais und Dünkirchen gingen verloren. Die USA verfügen seit 1945 über Brückenköpfe im Westen und Osten von Eurasien. Die Sicherheitsinteressen einer Landmacht sind anders geartet. Hier spielen die räumliche Entfernung zur nächsten Großmacht und Hindernisse wie Berge (Pyrenäen) oder Flüsse (Rhein) eine lebenswichtige Rolle. Auch die Anzahl der Nachbarn samt ihren "territorialen Wünschen" ist für die Sicherheit relevant. Eine schlechtere Situation als die deutsche Mittellage ist in dieser Hinsicht wohl kaum vorstellbar. Kein Land hat in seiner Geschichte mit derart vielen Nachbarn politisch agieren müssen wie Deutschland. So wurden über Deutschland hinweg Bündnisse geschmiedet: Schweden-Frankreich, Russland-Frankreich, Polen-Frankreich, Polen-England, Russland-England, Tschechoslowakei-Frankreich, um nur einige zu nennen. (18)

Der deutsche Geograph und Theoretiker der Geopolitik Otto Maull (1857-1957) hat in einer Deutschlandkarte die Auswirkungen der dynamischen Kräfte festgehalten.

Karte zur Mittellage des Deutschen Reiches (19)

Hintergrund der Nordlandfahrten des Kaisers

Die alljährlichen Nordlandfahrten von Kaiser Wilhelm II. waren weit mehr als nur private Erholungsreisen oder Ausdruck seiner maritimen Begeisterung. Sie hatten eine wichtige gesellschaftliche und politische Funktion. Der Kaiser lud zu diesen Fahrten regelmäßig eine große Zahl von Gästen ein – oft zwischen 50 und 70 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Militär und Politik. Diese exklusive Gästeliste war kein Zufall: Wilhelm II. nutzte die Abgeschiedenheit und entspannte Atmosphäre an Bord der „Hohenzollern“, um Kontakte zu knüpfen, Loyalitäten zu stärken und gesellschaftliche Netzwerke zu pflegen und letztlich auch zum Wissensaustausch.

Während der Nordlandfahrten fanden zahlreiche Gespräche, Vorträge und Diskussionen statt. Der Kaiser war bekannt für den regen Austausch mit seinen Gästen. Es wurden neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorgestellt, wirtschaftliche Entwicklungen diskutiert und politische Themen erörtert. Die Fahrten dienten somit als eine Art schwimmender Salon und Ideenschmiede.

Wilhelm II. war sehr an technischen Innovationen und wissenschaftlichen Fortschritten interessiert. Die Nordlandfahrten boten Wissenschaftlern und Ingenieuren die Gelegenheit, dem Kaiser ihre neuesten Projekte und Ideen vorzustellen – oft mit dem Ziel, kaiserliche Förderung oder Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die Fahrten hatten auch eine repräsentative Funktion. Sie unterstrichen das Image des Kaisers als moderner, weltoffener Monarch, der sich für Fortschritt und Austausch interessiert. Die Anwesenheit bedeutender Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen trug zum Prestige des Kaiserhofs bei.

Die Nordlandfahrten waren somit ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis im Deutschen Kaiserreich. Sie dienten vor allem dem gezielten Austausch mit den Eliten des Landes und der Förderung von Wissenschaft und Technik. Ihre Bedeutung als "schwimmendes Netzwerk" und Diskussionsplattform ist ein wichtiger Aspekt, der die politische und gesellschaftliche Rolle dieser Reisen unterstreicht. (20)

Der Kaiser war mit seinen Gästen bereits in der zweiten Woche in nördlichen Gewässern unterwegs, als Winston Churchill als Erster Lord der Admiralität (First Lord of the Admiralty) und damit politischer Leiter der britischen Marine, am 17. Juli 1914 die britische Home Fleet zu dem jährlichen zehntägigen Sommermanöver auslaufen ließ. (21) Alles sah nach Routine aus. Diese Idylle hielt bis zum 25. Juli 1914 an. Zwei Tage zuvor hatte Österreich-Ungarn Serbien ein auf 48 Stunden befristetes 10-Punkte-Ultimatum überreicht.

Hinter dem politischen Mordanschlag stand eine Verschwörung hochrangiger serbischer Militärkreise, die durch die serbische Regierung gedeckt wurden. Ihr politisches Ziel war die Destabilisierung Osterreich-Ungarns und die Eroberung seiner südöstlichen Provinzen (ein Ziel, das bekanntlich 1918 verwirklicht wurde und zur Gründung des mittlerweile blutig zerbrochenen "Jugoslawiens" geführt hatte). An dieser Stelle sei ein Rückblick auf ein ähnlich symbolstarkes Attentat erlaubt: Auf den Terroranschlag vom 11. September 2001, bei dem die Doppeltürme des World-Trade-Centers in NewYork zum Einsturz gebracht wurden. Hinter dem politischen Mordanschlag steht nach offizieller amerikanischer Regierungsversion eine Verschwörung hochrangiger islamischer Extremisten, die von Afghanistan aus operierten. Ihr politisches Ziel ist die Destabilisierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika und die Zurückdrängung ihres Einflusses in den islamisch geprägten Teilen der Welt.

Die afghanische Taliban-Regierung, in den Anschlag nicht direkt involviert, deckte aber nach amerikanischer Sichtweise die Organisatoren des Attentates. In Wahrnehmung ihrer Interessen verlangen die USA ultimativ die Auslieferung der Hintermänner des Anschlages und ergreifen, nachdem dem Ultimatum nicht entsprochen wird, die aus ihrer Sicht notwendigen militärischen Maßnahmen.

Nur 27 Tage nach dem Anschlag wird Afghanistan von den USA ohne Kriegserklärung angegriffen.

Die afghanische Regierung war ultimativ aufgefordert worden, unverzüglich den im afghanischen Asyl lebenden und mutmaßlich Drahtzieher des Anschlags, Osama bin Laden, auszuliefern. Die afghanische Regierung verlangte eine ordentliches Auslieferungsverfahren und Zeit, um das Asyl durch den obersten Mullahrat aufheben zu lassen. Die Zeit wurde nicht gegeben! Ohne Kriegserklärung wurde Afghanistan angegriffen; im weiteren Verlauf wurden die afghanische Regierung gestürzt und jene machtpolitischen Strukturen zerschlagen, durch welche die USA meinten, herausgefordert worden zu sein.

Österreich-Ungarn hat dagegen im Jahr 1914 alle diplomatischen Regeln eingehalten. Hier folgte eine Kriegserklärung nach 30 Tagen.

Der Mord in Sarajewo reihte sich in eine lange Folge politischer Aggressionsakte gegen Österreich; er ist nicht die Tat eines einzelnen Fanatikers, sondern das Werk eines wohlorganisierten Anschlags, und ist als Kriegserklärung Serbiens an Österreich-Ungarn zu werten. Die Monarchie, durch den damaligen Mord in noch weit bedrohlicherer Weise herausgefordert als die USA 2001, verlangte in Wahrnehmung ihrer Interessen ultimativ die Aufklärung der Hintergründe und ergriff, nachdem dem Ultimatum nicht entsprochen wurde, die notwendigen militärischen Maßnahmen, marschierte in Serbien ein, stürzte schließlich die Regierung und zerschlug jene machtpolitischen Strukturen, durch welche sie herausgefordert worden war. Zu vermitteln und zu verhandeln hat es da eigentlich nichts mehr gegeben.

Wie Henry Kissinger, emeritierter Außenminister der USA, es in einem seiner historischen Werke formuliert hat: kein Staat kann bereit sein, über die "Grundfragen seiner Existenz" zu verhandeln. Das gilt für die USA heute ebenso wie es für das alte Österreich damals galt.

Im Jahr 2001 freilich sind die USA die einzig verbliebene Weltmacht; ihrem politischen System kann durch offenen Krieg kein Widerstand mehr entgegengesetzt werden. Im Jahr 1914 agiert aber nicht nur ein kleiner Aggressor gegen eine Großmacht; Serbien hat vielmehr die Rückendeckung einer anderen Großmacht, nämlich Russland, das ihm zusagt, es vor jeglicher Bestrafung zu schützen; und Russland seinerseits hat die Rückendeckung zweier weiterer Großmächte, Frankreichs und Englands (hinter dem ein kriegsvorbereitetes Commenwealth steht). Solcherart wird aus der Auseinandersetzung Österreich und Serbien ein Weltkrieg. (Was die USA bei ihren militärischen Operationen zur Bestrafung des Aggressors in Ermangelung gleichrangiger Gegner nicht riskieren).

Wer hat nun Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Alle damaligen Großmächte, die ihre Pflicht zum Frieden vergessen und dafür einen Krieg billigend in Kauf genommen haben. Haben aber nicht jene Großmächte, die den damaligen infamen politischen Mord und die Mörder gedeckt haben, besondere Verantwortung für die folgende große Katastrophe?

Das österreichisch-ungarische Ultimatum vom 23. Juli 1914

In einer 10-Punkte-Note forderte Österreich-Ungarn von Serbien, alle serbisch-nationalistischen Aktivitäten sofort zu beenden und die Verantwortlichen des Attentats konsequent zu verfolgen. Sprach aus diesen Forderungen die Arroganz der Macht, mit der das große Österreich-Ungarn den kleinen Nachbarn düpieren wollte? Oder nicht vielmehr die Angst vor weiteren Terroranschlägen?

Angesichts der militanten anti-österreichischen Bewegungen reichte es der Habsburger Regierung nicht, sich nur auf eigenem Boden der großserbischen Aktivitäten zu erwehren. Es schien für die Sicherheit des Habsburgischen Reiches unumgänglich, den Rückhalt der Bewegung und des Terrors in Serbien zu brechen, so wie es 2001 für die USA unumgänglich schien, den Terrorismus auch außerhalb des eigenen Landes zu bekämpfen. (22)

Nach den lärmend-ungestümen russisch-französischen Feiern in Petersburg beschleunigte sich die Fahrt in den Abgrund. Am 23. Juli 1914, dem Tag der Abreise des französischen Staatspräsidenten Poincaré und seines Ministerpräsidenten Viviani aus Petersburg, übergab um 18:00 Uhr der österreichische Gesandte Freiherr Wladimir Giesl von Gieslingen in Belgrad eine auf 48 Stunden befristete diplomatische Depesche mit 10-Punkten. Darin forderte Österreich-Ungarn von Serbien, alle serbisch-nationalistischen Aktivitäten sofort zu beenden und die Verantwortlichen des Attentats konsequent zu verfolgen. Am brisantesten waren die Punkte 5 und 6. Darin wurde gefordert, dass „…in Serbien Organe der K. u. K. Regierung bei der Unterdrückung der gegen die territoriale Integrität der Monarchie gerichteten subversiven Bewegung mitwirken“ (23) und in „…eine gerichtliche Untersuchung gegen jene Teilnehmer des Komplottes vom 28. Juni einzuleiten, die sich auf serbischem Territorium befinden; von der K. u. K. Regierung hierzu delegierte Organe wurden an den diesbezüglichen Erhebungen teilnehmen“. (24)

In einer Beilage wurden die Untersuchungsergebnisse der österreichischen Ermittlungsbehörden dem Ultimatum beigefügt: Die Pistolen und Bomben, deren sich die Verbrecher als Werkzeuge bedienten, entstammten einem serbischen Waffendepot, der ganze Plan sei in Belgrad unter Beihilfe von Major Vojislav Tankosic ausgeheckt worden, und Milan Ciganovi habe in der Nähe von Belgrad die Mörder in der Handhabung der Granaten und Pistolen unterwiesen. Die Einschleusung der gedungenen Mörder sei mithilfe der serbischen Grenzhauptleute und Zollorgane organisiert worden.

Die deutsche Regierung reagierte unmittelbar und ließ sofort in Petersburg, Paris und London erklären, sie wünsche dringend eine Lokalisierung des Konflikts zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, da jede Intervention einer anderen Macht infolge der verschiedenen Bündnisverpflichtungen unberechenbare Folgen herbeiführen könne.

Der königlich serbische Ministerpräsident Pašić selbst befand sich auf einer Wahlkampfreise in der serbischen Provinz. Eben hatte er eine seiner unzähligen Wahlreden hinter sich gebracht.  Wie immer wurden diese begleitet von begeisterten Zurufen seiner Parteifreunde der Radikalen, die er seit 30 Jahren führte. Der ergraute 68-jährige, dessen Gesichtsfalten ihn noch älter erschienen ließen, war vermutlich von seiner Wahlreise ermüdet, als er sich am Abend des 23. Juli erholungssuchend in seinen Gasthof zurückzog. Seine Gedanken dürften sich an jenem Abend um den serbisch-österreich-ungarischen Konflikt gedreht haben. Wie würde Wien reagieren? Würde Russland Wort halten?

Vielleicht dachte Pašić auch an sein Vorbild Bismarck. Hatte der nicht auch drei Kriege gebraucht, um die deutschen Stämme zu einen? „Er, Pašić, hatte eben zwei hinter sich, sein Land war fast doppelt so groß geworden, die alten Feinde, Bulgaren und Türken, geschlagen. Könnte er jetzt mit Russlands Hilfe der zerrütteten Monarchie ans Leben: dann einten sich die letzten Südslawen mit Serbien, und der Wunsch von fünfzehn Millionen, und der Traum von fünf Jahrhunderten wäre erfüllt.“ (25)

Doch dann kam es anders. Sein Finanzminister rief ihn in die Realität und nach Belgrad zurück.

Freitag, 24. Juli 1914

Ehe am Nachmittag der russische Ministerrat tagte, fand in der französischen Botschaft eine Absprache zwischen dem russischen Außenminister Sasonow, dem französischen Botschafter am Zarenhof in St. Petersburg, Paléologue und dem britischen Botschafter in St. Petersburg Buchanan statt – ein ungewöhnlicher Vorgang! Alle drei spielten in der Julikrise eine Schlüsselrolle bei der Kommunikation und Koordination zwischen ihren jeweiligen Regierungen und dem russischen Zarenhof. (26)

Der russische Ministerrat befasste sich in erster Linie mit der Frage, ob die innere Lage Russlands den Krieg gestatte. Diese Frage wurde anscheinend bejaht.

Aus Belgrad lag auch ein Telegramm des serbischen Prinzregenten Alexander vor, der den Zaren um Rat bat: „wir sind bereit,  jene Forderungen Österreich-Ungarns anzunehmen, die mit der Stellung eines unabhängigen Staates vereinbar sind sowie jene, deren Annahme Eure Majestät uns anrät.“ (27)

Über die Vorgänge in Petersburg gut informiert, schrieb die russiche Zeitung "Rjetsch":

Augenscheinlich ist sich die russische Diplomatie des Ernstes der Lage nicht bewusst. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Serbien nach der russischen Note eine nicht völlig befriedigende Antwort geben wird und dass eine Ermunterung Serbiens bereits erfolgt ist, so dass ein Teil der Verantwortung für die Folgen Russland zufällt. Die einzige Möglichkeit für den Dreierverband, eine Hineinziehung in den Konflikt zu vermeiden, bleibt die Lokalisierung der serbischen Frage und die Vermeidung jeder Ermunterung Serbiens.“ Es scheint, dass Serbien wohl bereit gewesen wäre, die Note einfach anzunehmen. Aber in Russland empfand man sie als „eine gegen Russland gerichtete Provokation, auf die Russland in Tagen antworten müsse.“ (28)

In einem Telegramm informierte der britische Außenminister Edward Grey den Botschafter in Wien, Sir Maurice de Bunsen, dass ihm der österreichisch-ungarische Botschafter die an Serbien gerichtete Note mitgeteilt habe und die Befristung auf 48 Stunden mit der serbischen Verschleppungstaktik begründet habe. In den Wochen nach der Ermordung des Erzherzogs sei von Serbien kein Zeichen der Teilnahme oder Hilfsbereitschaft erfolgt; hätte Serbien nach dem Mord die Hand geboten, dann hätte die gegenwärtige Lage verhütet werden können. (29)

Grey erklärte für den Fall, dass das "Wiener Ultimatum" zu keinem Zwist zwischen Österreich-Ungarn und Rußland führe, sein Desinteresse an dem Konflikt.

Für den anderen Fall wünschte er eine Vermittlung der vier Mächte Deutschland, England, Frankreich und Italien im Sinne einer Mäßigung zugleich in Wien und Petersburg und regte eine Fristverlängerung für Belgrad an. (30)

Die deutsche Regierung reagierte ebenfalls unmittelbar und ließ sofort in Petersburg, Paris und London erklären, sie wünsche dringend eine Lokalisierung des Konfliktes zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, da jede Intervention einer anderen Macht infolge der verschiedenen Bündnisverpflichtungen unberechenbare Folgen herbeiführen könne.

War Russland friedlich gesinnt, so musste es Belgrad raten, sich zu fügen. Doch das  Kriegsfieber hatte in Russland bereits die herrschenden Kreise erfasst.

Kurz vor Mitternacht gab der deutsche Gesandte in Belgrad ein Telegramm auf und informierte das Auswärtige Amt über die serbischen Militärs, die kategorisch die Note ablehnen und Krieg fordern würden. Die Mobilisierung sei bereits in vollem Gange. (31)

Während Frau Pašić bereits sicher in Paris weilte, floh ihr Mann und Premierminister mit seiner Regierung überstürzt nach Saloniki.

Samstag, 25. Juli 1914

Die k. u. k. Regierung erwartete die Antwort der königlichen Regierung Serbiens spätestens bis Samstag, den 25. Juli um 6 Uhr nachmittags. Sollte sie nicht zustimmend ausfallen, würde das den Abbruch der diplomatischen Beziehungen nach sich ziehen.  Somit handelte es sich mehr um eine Démarche als um ein Ultimatum.

Zweifelsohne gab es in Österreich-Ungarn Kreise, die im Krieg gegen Serbien die einzige Lösung erblickten. Aber ebenso gab es auch andere Strömungen. Am Ballhausplatz tobten erbitterte Kämpfe zwischen der Kriegspartei um Generalstabschef Conrad von Hötzendorf und der Friedenspartei rund um Außenminister Graf Tisza, der sich erfolgreich dafür eingesetzt hatte, dass Serbien unversehrt bleiben sollte.

Schon in den frühen Morgenstunden des 25. Juli liefen die ersten Telegramme aus Petersburg in Belgrad ein. Um 4 Uhr früh wurde telegrafiert, dass Serbien mit Russlands Hilfe rechnen könne. Sechs Stunden später wurde Serbien geraten, es solle erklären, dass es sich nicht mit Waffen gegen eine Großmacht verteidigen wolle und könne – das entsprach noch den provisorischen Entschlüssen des russischen Ministerrates vom Tag zuvor. Um 11 Uhr 30 wurde nach Belgrad gemeldet, dass der russische Ministerrat beschlossen habe, zur Mobilisierung zu schreiten.

Zwischen 11 und 12 Uhr wurde in Petersburg vom Kronrat beschlossen, die Mobilmachung vorläufig nicht zu verkünden, dafür aber die seit März 1913 eingeführte "Kriegsvorbereitungsperiode" anzuordnen.

Bereits am 25. Juli hatte Paléologue in Krasnoje Selo vom russischen Kriegsminister Suchomlinow von der Teilmobilmachung erfahren. Am nächsten Tag telegrafierte er nach Paris, dass für die Militärdistrikte Kiew, Odessa, Kasan und Moskau Mobilmachung anbefohlen sei. Für die Militärbezirke Wilna, Warschau und Petersburg seien geheime Weisungen ergangen. (32) Über die Städte und Gouvernements Petersburg und Moskau sei der Belagerungszustand verhängt worden. (33) In aller Deutlichkeit habe der Zar die Notwendigkeit, Serbien zu unterstützen, vor Augen geführt, „auch wenn man dazu die Mobilmachung erklären und Kriegshandlungen beginnen müsse, jedoch nicht eher, als bis österreichische Truppen die serbische Grenze überschritten hätten.“ (34)

Diesem Kronrat hätten auch Nikolai Nikolajewitsch und der Generalstabschef beigewohnt. Nach seiner Rückkehr aus Zarskoje Selo berichtete der französische Militärattaché General de Laguiche: „Der Kriegsrat habe die größte Kriegslust gezeigt und den Beschluss gefasst, zum Schutze Serbiens bis zum Äußersten zu gehen, insbesondere habe der Zar durch seine Entschlossenheit alle überrascht.“ (35)

Der französische Botschafter Paléologue fasste als Ergebnis dieser Sitzung zusammen: Rußland wird 13 Armeekorps (bzw. 39 Divisionen) gegen Österreich mobilisieren, diese Maßnahme jedoch erst dann veröffentlichen, wenn Österreich Serbien mit Waffengewalt zwingt.

Die angeordnete Teilmobilisation umfasste mehr als die ursprünglich zum Kampf gegen die Donaumonarchie bestimmten 26 Divisionen. Gegen diese Streitmacht, verbunden mit den Truppen Serbiens und Rumäniens, wäre Österreich-Ungarn hoffnungslos unterlegen gewesen. (36) 

Am Nachmittag gegen 16 Uhr hieß es dann aus Petersburg: „Alle Vorbereitungen für die Mobilisierung angeordnet, welche sogleich verkündet werden wird, falls der österreichisch-ungarische Gesandte Belgrad verlassen würde.“ (37)

Zu diesem Zeitpunkt erwartete der österreichische Gesandte Wladimir Freiherr Giesl keine Antwort mehr und begann, seine Koffer zu packen, um nach Ablauf der Frist noch um 18:30 Uhr den Schnellzug nach Budapest nehmen zu können. Doch nur wenige Minuten vor 18 Uhr erschien zu seiner Verblüffung der serbische Ministerpräsident Nikola Pašić und überreichte ihm eine in aller diplomatischer Raffinesse abgefasste Antwortnote, die Giesel nur überfliegen konnte. Umgehend übergab er Pašić die vorbereitete österreichische Antwort, die der serbischen Regierung den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mitteilte. Giesel erreichte seinen Zug noch. Während er Budapest zustrebte, wurde von Serbien die Räumung Belgrads eingeleitet.

Zur gleichen Zeit erfolgte einige Tausend Kilometer ostwärts die Beförderung der jungen russischen Offiziere, die eigentlich nach der Tradition erst am 18. August stattfinden sollte.

Auf den ersten Blick eine zustimmende Antwort – doch nur auf den ersten! Mit dem Beisatz

 „laut der Mitteilung der k. u. k. Regierung“  vermied die serbische Regierung jede Mitverantwortung und behielt sich für die Zukunft freie Hand. Den anderen Forderungen wurde in ähnlicher Manier zugestimmt; nur die Forderung 5 wurde indirekt, und die Forderung 6 direkt abgelehnt. Letztere erregte heftigen Widerspruch, da angeblich nicht mit der serbischen Souveränität vereinbar. Unter diesem Punkt verlangte  das Ultimatum die Teilnahme österreichisch-ungarischer Organe an den das Komplott betreffende Ermittlungen. (38)

Einer ähnlichen Forderung Serbiens, es war damals noch Fürstentum, war die ungarische Regierung nach der Ermordung des serbischen Fürsten Michael Obrenowitsch am 10. Juli 1868 in Topschider ohne weiteres nachgekommen. Nun verletzte die gleiche Forderung umgekehrt angeblich die serbische Souveränität. Auch in der Bundesrepublik werden bei Delikten, die fremdenfeindliche Motive haben könnten, ausländische Ermittlungsbeamte zugelassen. So besuchte nach einem Wohnhausbrand in Ludwigshafen – hier waren neun Menschen zumeist türkischer Herkunft ums Leben gekommen–, am 7. Februar 2008 der  türkische Ministerpräsident Erdoğan gemeinsam mit Kurt Beck den Brandort und stellte den deutschen Ermittlern ein Team von vier türkischen Experten bei.

Doch zurück zum österreichischen Ultimatum:

Da der Versuch, die serbischen Mitschuldigen bei dieser Tat zu strafen, Ausflüchten begegnete, (39) griff Österreich nach einiger Zeit zu einem Ultimatum, welches unter anderem forderte, dass beim Gerichtsverfahren gegen verdächtige Serben auch österreichische Beamte teilnehmen. Wäre der Prinz von Wales an den Grenzen Afghanistans ermordet worden, und wir hätten Grund, zu glauben, dass die Afghanen an seiner Ermordung schuldig sind, dann hätten wir wahrscheinlich mit der vollen Unterstützung von Englands öffentlicher Meinung ein ähnliches Begehren gestellt“ (40), schrieb Bertrand Russell.

Im Gegensatz zu Russell hatte der englische Außenminister Edward Grey kein Verständnis für Österreich und verstieg sich sogar dazu, das Ultimatum als „das übelste Schriftstück, das je von einem Staat an einen anderen gerichtet wurde“ (41) zu bezeichnen.

Für die serbische Regierung mag die Abgabe der Antwortnote ebenso nebensächlich wie der Inhalt gewesen zu sein. Es kam vor allem auf die Außendarstellung an. Geschickt hatte die serbische Regierung noch vor der Abgabe ihrer Antwort angeboten, vor dem Haager Internationalen Gerichtshof oder den Großmächten Rechenschaft abzulegen. Hier war sich Pašić der Schützenhilfe durch Russland, Frankreich und England sicher. Eine perfekte Orchestrierung! Weltweit konnte das von den Türken über Jahrhunderte unterdrückte Serbien auf Mitgefühl hoffen und trotz der terroristischen Verstrickung politisch die Schuld an Österreich-Ungarn weitergeben.

Schon um 15 Uhr – drei Stunden vor Übergabe der Antwortnote – erfolgte die serbische Mobilmachung. (42) Die Donau-Monarchie antwortete drei Stunden nach Ablauf des Ultimatums ihrerseits mit der Teilmobilmachung von acht Armeekorps. (43) Wie die Kämpfe später zeigten, konnte Serbien schnell, umfassend und sehr erfolgreich mobilisieren – unerwartet kam da anscheinend nichts.

So geriet in der Zeit zwischen dem 23. Juli 18 Uhr und derselben Stunde des 25. Juli das Räderwerk der Kriegsmaschine unaufhaltsam in Bewegung.

Acht Jahre später schrieb Fürst Bernhard von Bülow – der als Reichkanzler (1900 bis 1909) bei der Marokko- und Balkankrise nur dank glücklicher Umstände einen Krieg vermeiden konnte:

Im Hochsommer 1914 hatten wir noch am 25. Juli die Möglichkeit, den Krieg zu vermeiden. Wir brauchten nur in Wien erklären, daß wir unter keinen Umständen den Abbruch der Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien gestatteten, bevor wir selbst die serbische Antwort genau geprüft hätten.“ (44)

Gegen Mittag des 25. Juli 1914 waren dem deutschen Auswärtigen Amt u.a. über die Manövertätigkeit der britischen Kriegsmarine dringende Depeschen eingegangen. Die britische Kriegs-Flotte (Home-Fleet) hatte sich nach der Manöver-Revue von Spithead nicht wie üblich aufgelöst, sondern hatte Befehl erhalten, in die Kriegshäfen in der Nordseehäfen einzulaufen. (45) Um 15.00 Uhr befahl Admiral Georg Alexander von Müller, Chef des Marinekabinetts, eigenmächtig dem Kapitän der „Hohenzollern“, die Kessel für die 22 Stunden lange Fahrt zurück nach Cuxhaven anzuheizen. Wilhelm II brach die Nordlandreise ab und befahl der vor Jütland liegenden deutschen Flotte, nach Wilhelmshaven und Kiel zurückzukehren.

Sonntag, 26. Juli 1914

Die Absicht Serbiens und Russlands, die Frage der österreichisch-ungarischen Sühneforderungen zu einer Machtfrage zwischen den europäischen Bündnisgruppen eskalieren zu lassen, wollte Berlin im Interesse des Friedens unterlaufen. Die Gefahr einer Eskalation wurde offenbar in London und Paris ebenso gesehen. Daher war am 26. Juli bei der Aussprache zwischen Sasonow und Pourtales von einer „Revision der österreichischen Untersuchung durch Europa nicht mehr die Rede“ (46).

Welchem Umstand war das Entgegenkommen Sasonows geschuldet?

Am gleichen Tag hatte aus London der russische Botschafter Benckendorff einen Situationsbericht geschickt, in dem es hieß: „Sir E. Grey hört nicht auf, mir zu wiederholen, daß seine nach Berlin gerichteten Erklärungen dort auf keinen Fall gestatten, auf die Neutralität Englands im Falle eines Krieges zu rechnen. Lichnowsky war in der Tat sehr verwirrt, aber das kommt daher, weil es ihm weh tat, daß es zum Kriege kommt. Ich bin gar nicht sicher, daß er die Worte Greys so verstanden, wie Grey es wünschte.“ (47)

Dieses fatale Missverständnis zwischen dem englischen Außenminister und dem deutschen Botschafter mag zum Einen an der diplomatisch verklausulierten Sprache Greys und zum Anderen  an der anglophilen Einstellung Lichnowskys gelegen haben. Möglicherweise wollte Grey auch nicht eindeutig von Lichnowsky verstanden werden. Außerdem musste Grey nicht nur im Verhältnis zu Lichnowsky, sondern auch für die britische Öffentlichkeit jede Kriegsrhetorik unterlassen, denn die britische Bevölkerung war durch die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in Irland vorerst nicht für einen weiteren "Kriegsschauplatz" zu gewinnen.

Es ist wahr“, schließt Benckendorff seinen Bericht ab, „daß Österreich, wie man sagt, nicht auf einmal den Krieg beginnen wird. Vorläufig besteht noch ein Hoffnungsstrahl. Was die Rolle Deutschlands anbetrifft, so erscheint mir dieselbe in dunklerem Lichte als allen übrigen. Und darauf stütze ich mich eben hier: England fürchtet sich nicht so vor dem Vorrang Österreichs auf der Balkanhalbinsel, wie vor dem Vorrang Deutschlands in der Welt.“ (48) (!!)

Nun sollten sich die Ereignisse überstürzen.

Anmerkungen und Quellen

Wolfgang Effenberger/ Willy Wimmer: Wiederkehr der Hasardeure – Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute, Höhr-Grenzhausen 2014, S. 165f.

Ebda., S. 160

Szögyényan Berchtold, 5. Juli 1914, in: ebd., S. 306 (Nr. 10058).

https://www.spiegel.de/geschichte/erster-weltkrieg-a-948651.html

https://ghdi.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=3724&language=german

https://dserver.bundestag.de/btp/14/14187.pdf

https://vorwaerts.de/geschichte/gerhard-schroder-uneingeschrankte-solidaritat-war-wohluberlegt

Diese Seiten behandelten Hinweise auf mögliche Verbindungen zwischen Einzelpersonen aus Saudi-Arabien und den Attentätern. Erst 2016 wurden die meisten dieser Seiten freigegeben, allerdings mit einigen Schwärzungen. Dennoch blieb die vollständige Aufklärung und Transparenz über die Rolle Saudi-Arabiens umstritten und lückenhaft.
https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/11-september-saudi-arabien-100.html

https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/nato-buendnisfall-11-september-2001-terrorismus-beistandsbeschluss-keine-formelle-aufhebung

https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/168712/9-11-und-die-politischen-folgen/

https://www.bmlv.gv.at/omz/ausgaben/artikel.php?id=97

Steinberg, Stefan: Ein Dokumentarfilm bezichtigt die USA des Massenmords an Kriegsgefangenen in Afghanistan. Auf der World Socialist Web Site vom 18. Juni 2002 unterwww.wsws.org/de/2002/jun2002/masa-j18.shtml
siehe auch Wolfgang Effenberger vom 02.12.2009: Nicht erst seit dem Kundus-Massaker wird gegen das Grundgesetz verstoßen. Die Pharisäer und ihr Fichtenwald unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14541

https://www.spiegel.de/politik/ausland/hamid-karzai-die-hoffnung-eines-zerrissenen-landes-a-212666.html

https://moodle2.units.it/pluginfile.php/364438/mod_folder/content/0/Erster%20Weltkrieg-Blankoscheck%20Telegframm.pdf?forcedownload=1

unter dem Aktenzeichen A. S. 2139

Ebda.

Effenberger/Wimmer 2014, S. 168

Wolfgang Effenberger: GEO-Imperialismus Die Zerstörung der Welt, Rottenburg 2016, S. 53

Otto Maull: Politische Geographie, Berlin 1925, Bausteine zur Geopolitik, S. 333, Fig. 18

https://www.ni.hu-berlin.de/de/institut/mag_diss/diss/sg.pdf/@@download/file/sg.pdf

https://www.geschichte-abitur.de/biographien/winston-churchill

Schultze-Rhonhof: Der Krieg der viele Väter hatte. München 2003, S. 44

Zitiert nach Berliner Monatshefte, XIV. Jahrg., 1936, S. 292 f,

Effenberger/Wimmer 2014, S. 178/179

Ebda., S. 52

https://www.deutschlandfunkkultur.de/100-jahre-erster-weltkrieg-kriegssplitter-der-weg-in-die-100.html

Richard Kralik: Geschichte des Völkerkrieges (1914-1919), Paderborn 1923, S. 24

Ebda.

Documents britanniques, juillet-août 1914 unter http://net.lib.byu.edu/estu/wwi/1914m/gooch/goochidx.htm#651-677 [29.06.2013]

Deutsche Dokumente Nr. 157, Englisches Blaubuch Nr. 11.

Boghitschewitsch, Milos: Die auswärtige Politik Serbiens 1903-1914 , 3 Bde. Berlin 1931, Bd. II, S. 546

Janusz Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg, Düsseldorf/Wien 1988, S. 22Piekalkiewicz, S. 28

Paléologue in einem Telegramm vom 26. Juli 1914; siehe Paléologues Tagebuch, a. a. O., S. 250 sowie Bericht an den französischen Senat - 704/1919 - S. 39, 127.

Zitiert nach Berliner Monatshefte, XIV. Jahrg., 1936, S. 292 f.

Zitiert nach Possony, Elmar: Zur Bewältigung der Kriegsschuldfrage, Köln/Opladen 1968, S. 234

Friedrich Stieve und Graf Max Montgelas: Rußland und der Weltkonflikt, Berlin 1927, S. 158.

Possony, S. 233

Unter http://www.forost.ungarisches-institut.de/pdf/19140722-1.pdf

Russell, Bertrand:  Der Krieg, ein Kind der Furcht (deutsch von F. Beran), Zürich 1915, S. 10 f.

Effenberger/Wimmer 2014, S. 184

Sir Edward Grey am 24. Juli 1914 in einem Telegramm an Sir M. de Bunsen, Britische Dokumente Bd. I, Nr. 91, S. 123; vgl. dazu: Heinrich Jaenecke: »Das Attentat«, in: GeoEpoche, Nr. 14/2004, S. 31, 32.

Nach Piekalkiewicz aus rein »defensivem Charakter« (S. 24), was die Österreicher aber nicht wissen konnten oder wollten

Janusz Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg, Düsseldorf/Wien 1988, S. 22 Piekalkiewicz, S. 24.

Bernhard Fürst von Bülow: Denkwürdigkeiten in vier Bänden, hier Bd. 3,Berlin 1930/31,  S.164

Wolfgang Effenberger/ Konrad Löw: Pax americana, München 2004, S. 203

Deutsche Dokumente Nr. 217

B.W. von Bülow: Die Grundlinien der diplomatischen Verhandlungen bei Kriegsausbruch, in "Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch",  Fünfter Band, hrsg. vom Auswärtigen Amt, Berlin o.J., S. 55 

B.W. von Bülow: Die Grundlinien der diplomatischen Verhandlungen bei Kriegsausbruch, in "Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch",  Fünfter Band, hrsg. vom Auswärtigen Amt, Berlin o.J., S. 55; Deutsche Allgemeine Zeitung vom 28. August 1919. 

Zuerst veröffentlicht auf Apolut (11.07.2025) inkl. Podcast-Version

https://apolut.net/warnsignale-uberhort-teil-1-von-wolfgang-effenberger/

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Wolfgang Effenberger